Unterm Torflutlicht

Dynamo Dresden stemmt sich beim Sieg über die Sechziger gegen den Rückrundenfluch

Foto: SG Dynamo Dresden

Geht es gegen den TSV aus München, scheint Spektakel angesagt zu sein. Schon das Hinspiel am 14. September war zum Nägelkauen: Führung für die SGD, Ausgleich kurz vor der Pause. Dann steht es 3:1 für Dynamo und 1860 kommt auf 3:2 heran. In der Nachspielzeit haben die Löwen drei Hundertprozentige im Minutentakt, scheitern aber am Pfosten und jeweils auf der Linie an Bünning und Menzel (der an dem Nachmittag zwei Tore erzielt). Aufregend sollte es an diesem Sonntag unter Flutlicht auch werden, wenn auch ganz anders nach hinten heraus.

Schon vor dem Anpfiff präsentieren sich die Fanlager in bester Stimmung. Das für diese Anstoßzeit gut gefüllte Gästeeck versucht, dem wieder sehr laustarken K-Chor Paroli zu bieten und zeigt sich zumindest hörbar. „Olé, SG Dynamo …“ schallt es ohrenbetäubend in die Schüssel bei Temperaturen um die Nullgradgrenze. Die inakzeptable Nichtleistung der Dresdner in Stuttgart scheint für das Erste vergeben und vergessen, wenn nur nicht heute die Goldfüße wieder wie mit Bleistiefeln spielen. In den Katakomben heizt man sich schon mal mit „Black and Yellow“ ein. Dass Trainer Thomas Stamm seine Defensive schon wieder verändert, ist fast schon ein running gag: Hoti, Bünning und Risch rein, Heise, Kubatta und Boeder raus, dazu davor Baur für Kother. Bevor es losgeht, werden Stefan Kutschke für 150 und Christoph Daferner für 100 Spiele im gelben Dress der SGD geehrt.

Die erste Halbzeit: Urgewalt Daferner

Um 19.30 Uhr pfeift Referee Nicolas Winter an, der – was durchaus selten ist – auch schon das Hinspiel unter seiner Leitung hatte. Gutes Omen? Who knows? Nach 20 Sekunden rasseln Risch und Jacobsen auf Links schon mal ineinander, nach kurzer Liegezeit geht es aber weiter. Eine Intensitätsansage ist das aber schon mal. Ein erster Tiefenpass von Bünning geht ins menschenleere Toraus, Menzel zeigt eine hübsche Slalomeinlage, die zwar brotlose Kunst bleibt, aber schon ein paar Schleifen in den Münchner Beinen hinterlässt.

Die fünfte Minute ist gerade verronnen, da gibt es den ersten Einschlag. Stand Dynamo in der Hinrunde noch für späte Treffer, scheint jetzt Frühstart angesagt zu sein – siehe auch gegen den Schacht. Lemmer wickelt einen Ball um seinen Gegner nach innen genau in den Lauf des heranrauschenden Daferner. Der Winkel am kurzen Pfosten ist eigentlich sehr spitz, und der gerade genesene Verlaat ist auch eng dran am Dresdner Stürmer, aber es hilft nichts. Gekonnt und mit Wucht schnibbelt die dynamische 33 den Ball zwischen Holz und Hiller ins Netz. Einszunull und ein Tollhaus das Stadion schon jetzt.

Jetzt gehts lohos, jubelt die Hypophyse, aber nicht mal drei Minuten lang. Denn nun zeigt, sich, dass auch diese Verteidigeraufstellung noch nicht das Ende aller Überlegungen sein kann. Erst wird ein Ball zweimal nicht konsequent geklärt, dann wird es ganz wild: Eine hohe Flanke versucht Ex-Dynamo Kwadwo mittig vor das Tor zu köpfen, aber Hoti fängt das Leder wiederum ab und schädelt fast zum Eigentor an den kurzen Pfosten, wohin Kwadwo durchläuft und aus knappem Winkel zum Ausgleich einschießt. Bis hierhin also der Verlauf des Hinspiels – und schon jetzt wackelt es hinten drin bedenklich.

Die elfte Minute wird verrückt auf beiden Seiten. Erst bekommt Casar nach einer Ecke nur fünf Meter vor dem Tor den Ball nichts ins Netz, weil dieser auf letzter Rille von der Kreide gekratzt wird, im folgenden Konter der Gäste lässt Hauptmann Guttau im Wortsinne auflaufen. Der Schiri pfeift nicht einmal Foul, wo andere vielleicht Rot gezückt hätten – Hauptmann war letzter Mann.

Das Spiel beruhigt sich etwas, die Strafräume bleiben fast unberührte Zonen. Erst nach 20 Minuten ruckt das Ganze wieder an, als der Löwen-Keeper das Runde an den Rücken seines Mitspielers boxt, dann aber doch noch abfängt. Dass die Gäste immer wieder beherzt zulangen, hat zwei frühe Gelbe zur Folge. Spätestens jetzt hat die Sportgemeinschaft den Ausgleichsfrust abgeschüttelt – und bekommt dazu einen Elfmeter nicht, als Baur im Sechzehner von Dulic klar getroffen wird. Trotzdem riecht es nach der erneuten Führung. Die halbe Stunde ist rum, da trifft Daferner den Pfosten, um nur zwei Minuten später dann das ersehnte Tor zu machen. Die TSV-Abwehr kommt mit den vielen Flanken überhaupt nicht klar, die ihnen immer wieder um die Ohren fliegen. Von links, von rechts, von links, von rechts – und auf einmal hebt Hauptmann einen verlängerten Sterner-Ball über den Fünfer hinweg an den Langen, wohin Daferner mit der Urgewalt eines Büffels angerast kommt und ins Netz nischelt – die unglückseligen Kwadwo und Hiller rollen gleich mit ins Netz. Zweizueins! Hallelujah auf Durchdrehniveau! Apropos Daferner: Er selbst erobert den Ball vor dem Strafraum und läuft dann durch – es ist sozusagen ein Viertelassist für sich selbst.

Das muss es jetzt sein, der Fluch der letzten Rückrunde muss gebrochen werden. Und Tim Schreiber muss dafür auch alles riskieren. Als die Löwen mit einem simplen Doppelpass die SGD hinten aushebeln, steht Kloos frei vom dem Dresdner Goalie, der aber im Stile eines Andreas Wolff den Einschlag verhindert. Auf der anderen Seite hat Baur das dritte Dynamo-Tor auf der Stirn. Nur Sekunden später Ecke für Schwarzgelb. Bevor das Runde seinen Flug beginnt, rückt der offensive Dynamo-Cast aus dem Fünfer nach hinten – und sofort wieder zurück. Das verwirrt die Münchner Abwehr komplett: Jeder versucht zu folgen, aber wohin nur, wohin? So steht am Ende Hoti vollkommen verwaist am Elfmeterpunkt, bekommt den Ball auf den Fuß und drischt diesen humorlos ins Netz. Dreizueins! Ausnahmezustand!

Dass – natürlich – Kwadwo am Boden liegend ohne eigene Aktion abfälscht, gehört zur Geschichte des Unglücksraben dazu, der sich schon im Hinspiel einen folgenschweren Patzer gegen Meißner leistete. Und weil der Frust ja irgendwohin muss, räumt Kwadwo kurz vor der Pause Lemmer mit dem Arm ab und kassiert Gelb. Beim fälligen Freistoß heißt es dann zwar „Auf die Mauer schießt der Baur“, doch den abprallenden Ball köpft Menzel fast zum vierten Tor. Pause und Aufwärmen. Traditionell gibt es im Presseraum bei Spielen gegen den TSV Leberkäse statt der üblichen Currywurst-Suppe.

Die zweite Halbzeit: Es lemmert aus der Ferne

Dynamo kommt mit dem festen Willen auf den Rasen zurück, hier nichts mehr anbrennen zu lassen. Das wird den Gästen von Minute 46 an klargemacht. Vor allem Hauptmann dreht und wirbelt die Münchner schwindelig, Baur wuselt, Sterner findet nach und nach zu alter Stärke. Nur Sapinas Fehlen merkt man hin und wieder, wenn der Staubsauger nicht ganz so gut funktioniert. Und dann kracht es mächtig gewaltig. Jakob Lemmer bekommt einen ziellosen Ball geschenkt und läuft auf den Strafraum zu, begleitet von vier Weißhemden. Aus 20 Metern zieht er unbedrängt ab, doch der Strahl trifft nur den Querbalken.

Die SGD läuft jetzt mit großem Aufwand sehr hoch an, der Turn- und Sportverein wird so immer wieder in einen Panikmodus versetzt, verzettelt sich im Kleinklein und kommt kaum hinten raus. Nur Schreiber spielt mal direkt zum Gegner, bügelt aber mit der Faust aus. Baur bricht durch, wird aber gelegt. Kein Foul sagt Schiri Winter, der sich insgesamt als Freund des gesunden Zweikampfes erweist. Aber insgesamt bekommt Verlaat seinen Laden hinten nicht in den Griff. Immer wieder segeln hohe Bälle auf die Außen, wo Baur, Sterner, Lemmer, Menzel oder Hauptmann für Gefahr sorgen, während Daferner im zweiten Durchgang deutlich weniger stattfindet.

In Minute 63 kommt dann endlich die Entscheidung. Bei den Löwen einmal mehr Pleiten, Pech und Pannen. Guttau lässt einen Pass von hinten weit abprallen, Lemmer schnappt sich das Ding, läuft in den Strafraum, doch bevor der Zehner etwas Gefährliches machen kann, wird ihm der Ball vom Fuß stibitzt. Doch genau diese Aktion wird zur Vorlage für Toni Menzel, der frei vor dem Torwart einnetzt. Vier! Zu! Eins! Ein Sonntagabend mit CL-Atmo! Deckel drauf, Klappe zu, Löwen tot! 29.004 sind im Zustand der Glückseligkeit. Nur einer nicht. Denn muss man noch erwähnen, wer die verhängnisvolle und abseitsaufhebende „Vorlage“ lieferte? Es war schon wieder Leroy Kwadwo. An drei von vier Toren war der Verteidiger beteiligt“, und TSV-Coach Glöckner hat nun ein Einsehen und wechselt ihn aus. Derweil wird vom K aus verkündet: „Alle in Schwarz nach Rostock“.

Und auf einmal ist Daferner wieder da, doch erst steht er im Abseits, dann schappt ihm Hiller den Ball weg. Schnell noch was machen, wird er sich vielleicht gedacht haben, denn der klassische Wechsel zu Kutschke deutet sich bereits an. Doch direkt davor fällt noch das fünfte Tor für Dynamo. Wieder ist es Verlaat, der bei seiner Startelf-Rückkehr nach Verletzung einen ganz schlimmen Tag hat und einen Ball halbgar nach vorn spielt. Vom eigenen Mann abgefälscht, landet das Leder bei Lemmer, der wie bei seinem Lattentreffer noch paar Schritte geht und erneut – diesmal mit Links – abzieht. Unten kracht das Ding an den Innenpfosten und geht rein: Fünfzueins. Ja ist denn schon Weihnachten? Und Ostern? Es lemmert aus der Ferne und die Beleuchtung wird zum Torflutlicht.

Man muss den Sechizgern – und auch deren Anhang – immerhin bescheinigen, dass sie trotz der sich abzeichnenden Klatsche nicht aufgeben. Sie sind klar geschlagen, stellen aber das Fußballspielen nicht ein. Es gibt sogar noch Versuche aus der Distanz und Fallrückzieher. Aber an solchen Tagen fehlt dafür das Spielglück. Und wenn Menzels Schuss – von Verlaat noch abgefälscht – drin gewesen wäre, hätte man zählerisch das halbe Dutzend geschafft. So aber gab es den dritten Aluminiumtreffer für die Heimelf.

Die letzten zehn Minuten sind geprägt von den üblichen Wechseln, von den Neuen hat Kother noch einen im Fuß, den Hiller aber mit Ach und Krach abwehren kann. Ein Leckerbissen ist zudem davor ein Pass von Schreiber auf Meißner über den ganzen Platz. Lass mal austrudeln, möchte man meinen, da ertönt ein Pfiff und der Unparteiische zeigt auf den Punkt. Im Schreiber-Strafraum. Kaum erkennbar ohne TV-Bilder bekam Hoti den Ball an den Arm. Wolfram verwandelt, direkt danach kommt der Abpfiff zum Fünfzuzwei-Endstand. Jetzt wartet Rostock, denen gerade auch fünf eingeschenkt wurden. Eine Suttgart-II-Leistung wird auch dort nicht reichen, zumal Cottbus ergebnistechnisch nicht schwächelt.

Was noch zu sagen wär

Eine schöne Ergänzung zu den gewohnten Videos der Pressekonferenzen und der „Stimmen zum Spiel“ ist das noch recht neue Format „Flimmerkiste“, das auch kleine Details vom Spieltag zeigt, die dem Publikum im Normalfall verborgen bleiben, oder Geschehen auf der Spielwiese aus Nahdistanz bringt. Danke dafür.

Wird eigentlich noch einmal aufgeklärt, wie Stefan Kutschke in die Nazi-Fitti-Geschichte gekommen ist? Die Distanzierung im Nachhinein ist das eine, aber welche strategischen Überlegungen der Betreiber führten dazu, dass es überhaupt dazu kam? Und es geht in dem Studio bei weitem nicht nur um eine „umstrittene“ Person? Welche Rolle hat der Geschäftsführer gespielt? Da sind noch Fragen offen.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. TSV 1860 München
16. Februar 2025, Anstoß: 19.30 Uhr
Tore: 1:0 Daferner (6.), 1:1 Kwadwo (9.), 2:1 Daferner (32.), 3:1 Hoti (39.), 4:1 Menzel (63.), 5:1 Lemmer (71.), 5:2 Wolfram (90.+3, Elfmeter)
Dynamo Dresden: Schreiber, Sterner, Hoti, Bünning, Risch, Casar (86. Kammerknecht), Menzel, Hauptmann (86. Boeder), Lemmer (81. Meißner), Baur (81. Kother), Daferner (72. Kutschke)
Ohne Einsatz: Mesenhöler, Marx, Heise, Kubatta, Berger
Schiedsrichter: Nicolas Winter
Fans: 29.004
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